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Wenn dem Leben mal was dazwischen kommt...

20 Besuche in vier Wochen - Strahlentherapie zu Beginn des Lockdowns
Strahlentherapie in der Charité Berlin

Das stecke ich locker weg! Kriege ich hin! Fünf Wochen, vier Mal die Woche für 15 Minuten? Schon ganz andere Sachen geschafft! Und am 16. März ging es dann los, pünktlich zur Corana-Krise: 18.20 Uhr, Südring 5, Ebene 1, Campus Rudolf Virchow der Charité Berlin - hier ist die Klinik für Strahlentherapie. Tomotherapie nennt sich die Behandlung in der „Röhre“, in die ich hineingeschoben werde. Prostatakrebs lautete die Diagnose, die ich im Januar erhalten habe. Und ich habe mich dann für die Tomotherapie entschieden, so heißt der neueste Schrei der Strahlentherapie. Es soll besonders schonend sein. Arbeiten und meinem Leben nachgehen könne ich weiterhin wie gewohnt. Die Alternative wäre gewesen, sich die Prostata entfernen zu lassen. Prostata weg, Krebs weg. Aber das, so mein Gedanke, kann ich ja immer noch machen lassen. 

Der Corona-Krise ist es geschuldet, dass ich es mit dem Auto vom Süden (dort wohne ich) in den Norden Berlins zur Charité innerhalb von 15 Minuten schaffe - und das zur besten „Rush-hour-Zeit“. Auf der Stadtautobahn gibt es in den fünf Wochen Strahlentherapie keinen einzigen Stau, noch nicht mal „lebhaften Verkehr“.

Mit dem Auto fahre ich auf das Gelände der Charité. „Ich habe um 18.20 Uhr einen Termin zur Strahlentherapie“, das ist das Sesam-öffne-Dich für die Sicherheitsschranke. Sechs Parkplätze gibt es direkt vor der Klinik für Strahlentherapie und sich automatisch öffnende Türen. Um diese Zeit begegne ich auf dem Weg in die Ebene 1 keinem Menschen. Hände desinfizieren, Karte scannen und auf dem menschenleeren Flur warten. Jeder zweite Sitz der Wartebänke ist mit einem Tesa-Krepp-Kreuz abgeklebt - damit die Distanzregeln eingehalten werden. 

Nach dem Aufruf „Herr Kerscher bitte“ gehe ich in Richtung Behandlungsraum. Auf dem Weg hinein begegne ich nur selten einem anderen Patienten - dem Inder manchmal, oder dem Polen oder dem älteren Mann mit langen weißen Haaren. Geredet wird nicht viel, wenn man bestrahlt wird. Was sollte man schon sagen? „Viel Spaß“? Oder „viel Erfolg“?

In der Umkleidekabine ziehe ich Schuhe und Hose aus und die gelbe Socken an, die hier jeder erhält. Während ich vor dem Tototherapie-Gerät meine Wertsachen - Brille, Brieftasche und Handy - auf einen Stuhl lege, wird die Liege desinfiziert. Auf dem Display der „Röhre“ ist ein Foto von mir zu sehen. Ich lege mich hin, auf meine Hüften und unterhalb meines Bauchnabels zeichnen mir die Pflegekräfte drei große Kreuze auf den Körper - mit ihnen werde ich genau positioniert. Ich erhalte einen Notknopf in die Hand, werde zugedeckt und bleibe allein.

Die Liege schiebt sich für zwei Minuten in die Röhre für eine Computer-Tomografie, die genau im Bild festhält, wo die zu bestrahlende Prostata und der Tumor genau liegt. Dann fahre ich wieder aus dem Röhrentunnel hinaus, und nach einer kurzen Pause wieder hinein. Die eigentliche Bestrahlung dauert vier Minuten. Ich spüre nichts dabei, ich sehe nichts, ich höre nur ein Brummen und Klackern, ein Rauschen wie bei einem Gebläse. Und es sind Momente, in denen mir alles mögliche durch den Kopf geht: Warum ich? Warum jetzt? Will ich unbedingt meiner Mutter nacheifern, die exakt in meinem Alter an Krebs gestorben ist? Werde ich künftig genug Aufträge haben? Was will ich in meinem Leben anders machen? Mit meiner Frau, meinen Söhnen, meinen Freunden?

Zur Halbzeit der Behandlung beginne ich es nicht mehr „locker wegzustecken“. Die Strahlentherapie schlägt mir dann doch sehr auf die Blase. Ich weiß nun wieder, was eine „Sextaner-Blase“ -  extrem lästig ist es, Tag und Nacht zum Dauergast auf der Toilette zu werden. Aber das werde sich bald wieder legen, so hat es mir der Arzt im Abschlussgespräch versprochen - in drei Wochen, ziemlich sicher in drei Monaten, auf jeden Fall aber in anderthalb Jahren.

Nach fünf Wochen, dann endlich das letzte Mal „18.20 Uhr, Ebene 1, Südring 5“. Die ersten Lockerungen der Corona-Maßnahmen sind mittlerweile angekündigt. Ich mache drei Kreuzzeichen, das ich in einer Zeit lebe, in der Prostatakrebs auf diese Art und Weise bekämpft werden kann. Eine Zahnarzt-Behandlung verursacht mehr Schmerzen als diese Bestrahlung, das weiß ich. Aber vom „das stecke ich locker weg“ ist nicht viel geblieben, das weiß ich nun auch. Und ich weiß auch: Meine Mutter ist mit 58 Jahren an Krebs gestorben. Aber das reicht. Ich werde auf jeden Fall älter werden.

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Kommentare: 1
  • #1

    Andreas Zeike (Montag, 07 September 2020 14:00)

    ...ich wünsche Dir baldige Besserung bzw. hoffentlich vollständige Heilung!
    LG, az

Martin Kerscher 

Kurfürstendamm 56

10707 Berlin

+49 30 547 103 825


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