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"Ich wäre schon gern ein bißchen digitaler"

Ganz ehrlich: ich habe es auch gemacht. Genau so wie alle, oder zumindest viele - auf Linkedin, Xing, facebook, Instagram oder wo auch immer.

Was hätte ich auch sonst tun sollen? Im Home Office quasi „gefesselt“, alle Aufträge sind storniert, die Zeit wächst gerade auf den Bäumen. Ich würde auch stundenlang spazieren gehen in der Frühlingssonne, wenn ich mir nicht am Beginn der „Corona-Quarantäne“ auch noch den Zeh mehrfach gebrochen hätte. Aber ich bewege mich auch so - vom Schlafzimmer über Bad und Küche an den Schreibtisch. Und auf diesen Wegen bleibt viel Zeit in denen ich über „Konzepte“ nachdenke und sie in „Präsentationen“ gieße: „Online-Training ist das Gebot der Stunde“ - mit dieser nicht ganz unoriginellen Idee bin dann auf den virtuellen Marktplatz gegangen. Es war nicht wirklich überraschend, dass ich damit nicht der Einzige war. Und ich war auch nicht wirklich über die Resonanz überrascht - von Menschen, die gerade eher mit „Home-Schooling“ und Sorgen über die Zukunft ihres Arbeitsplatzes beschäftigt sind. Mein Versuch, das „Online-Training“ mit einem „Knigge für Video-Konferenzen“ zu toppen, schien mir etwas origineller, war aber auch nicht wesentlich erfolgreicher. Es hat mich zumindest beruhigt. Ich habe etwas „getan“. Auch beruhigt hat mich übrigens dann mein unstillbares Verlangen mich auf ausgeschriebene Stellen zu bewerben. Das gab mir zumindest das Gefühl, dass es einmal ein Gefühl von beruflicher und wirtschaftlicher Sicherheit geben könnte.

Überflüssig zu erwähnen, dass es bislang weder auf meine digitale Angebotsoffensive noch auf meine Bewerbungen eine Resonanz gab. Und das zwingt mich nun dazu…nichts zu tun und einfach innezuhalten, und nicht die Wohnung zu putzen oder den Kleiderschrank umzustellen - was mich ja schon einen gebrochenen Zeh gekostet hat. Innehalten, das bedeutet dann: Zeit für Gedanken zu haben, ob ich mich beruflich neu aufstelle, ob ich etwas neu oder anders machen möchte. Solche Gedanken könnte ich mir natürlich auch für mein ganzes Leben machen, aber der Beruf wäre ja schon mal ein Anfang. Es gibt gute Gründe, warum ich dem bislang immer aus dem Weg gegangen bin - und mich auch jetzt noch winde. 

In den nächsten Wochen wird noch viel Zeit bleiben, auch dafür. Wenn dann die schon seit langem zu überarbeitende Webseite aktualisiert ist und alle Konzepte geschrieben sind, dann fällt es mir sicher vor die Füße: was möchte ich denn in den nächsten Jahren wirklich gerne beruflich machen? Was kann ich? Was möchte ich können? Wofür schlägt mein Herz? Und letztlich auch die Frage: was kann ich tun, damit es mir und vielleicht sogar auch anderen ein Stück besser geht.

Übrigens: meine digitale Angebots-Offensive war dann doch erfolgreich, aber an einer ganz anderen Stelle: ich werde für einen Kunden übernächste Woche einen Film produzieren - ganz klassisch, ganz analog, und mit Interviews im „Zwei-Meter-Sicherheitsabstand“.

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