Kommunikation auf Null-Niveau

Der Umgang mit ungewohnter Kritik

Da hat sich ein 26jähriger YouTuber in einem 55minütigen Video zur „Zerstörung der CDU“ ausgelassen - und er hat dies mit Fakten und Statistiken belegt, und natürlich auch mit Meinung. Das Ergebnis: 15 Millionen Aufrufe innerhalb von 3 Wochen.

 

An dieser Stelle soll es nicht um die Inhalte des Videos im Detail gehen - darüber kann und sollte man sich trefflich streiten-, sondern darum, wie eine große Volkspartei mit Kritik umgeht.

 

Um es vorweg zu sagen: das Verständnis von Kommunikation, das die CDU an den Tag legt, stammt aus den Zeiten der „Verlautbarungspolitik“. Damals konnten die Parteien noch Pressemitteilungen herausschicken, die weitgehend nachgeflötet wurden. Aber die Zeiten haben sich nun mal geändert. Nicht nur die Presse ist kritischer geworden, auch die Wähler schauen genauer hin. Und die Wähler können zudem heute über die Social-Media-Kanäle eine bislang nicht gekannte Reichweite erzielen.

 

Und was machte die CDU als erstes? Sie diskreditierte, diffamierte und isolierte, oder wie es in der Terminologie von Rezos Zielgruppe heißt, sie „bashte“. 

 

Partei-Chefin Kramp-Karrenbauer fragte sich beleidigt, „warum wir nicht eigentlich auch noch verantwortlich für die sieben Plagen sind, die es damals in Ägypten gab“ - lassen wir es an dieser Stelle umkommentiert, dass im Alten Testament von zehn Plagen die Rede ist. Und CDU-Generalsekretär Ziemiak buchte das Video erstmal ab unter „eine ganz persönliche Meinung eines Menschen“ (später hat er sich sicher die Zunge abgebissen).

 

Diese „persönliche Meinung“ erhielt nicht nur 15 Millionen Aufrufe, sondern auch 1 Millionen mal den „Daumen hoch“ - und das steht für „mag ich“ oder „gefällt mir“. Wann man das mal in Wähler und Wählerstimmen umrechnet, dann ist es keine „persönliche Meinung“ mehr, sondern ein politisches Statement mit gewaltiger Sprengkraft (die schmerzliche Quittung kam auch prompt wenig später bei der  Europawahl).

 

Die CDU hat alle Regeln der Krisenkommunikation außer Acht gelassen. Erstmal Verständnis signalisieren etwa und den Sachverhalt genau prüfen. Aber mit ihren Spontan-Reaktionen schadete sich damit nachhaltig und ließ eine Chance ins Gespräch zu kommen ungenutzt:  Endlich schaffte es ein Jugendlicher spannend über politische Inhalte zu sprechen, so dass sich Millionen in seiner Peergroup dafür interessierten. In Berlin gelingt das keinem - keiner Pressestelle, keiner PR- und Medienagentur.

 

Es ist wenig tröstlich, dass die CDU da nicht alleine steht. Die SPD, davon bin ich überzeugt, hätte es nicht wesentlich anders gemacht. Und FDP-Chef Lindner etwa hat sich sogar einen Namen gemacht im „arroganten Umgang mit jungen Wählern“. Vor wenigen Wochen saß er in einer Talkshow und meinte zur Bewegung „Fridays for Future“ und zum Klimaschutz: „Von Kindern und Jugendlichen kann man nicht erwarten, dass sie bereits alle globalen Zusammenhänge, das technisch Sinnvolle und das ökonomisch Machbare sehen. Das ist eine Sache für Profis.“ Da bleibt einem ein bißchen die Spucke weg. Es geht dabei nicht darum, ob Lindner vielleicht sogar Recht hat. Aber im Umgang mit den existenziellen und berechtigten Sorgen einer Generation spricht das für sich. Es spricht für eine bestimmte Haltung im Umgang miteinander.

 

Was bedeutet das für uns Medientrainer? Der Fall Rezo zeigt, dass wir Medientrainer da an die Grenzen unserer Möglichkeiten kommen. Denn letztlich lässt sich nur das authentisch und wirkungsvoll kommunizieren, was Ausdruck einer inneren Haltung ist. Und eine nachhaltige und überzeugende und wertschätzende Kommunikation ist nur auf Augenhöhe möglich.

  

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